Das Leuchtturm-Elternprogramm

Seit Mai 2025 haben wir in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ein neues mentalisierungsbasiertes Programm für Eltern mit psychischen Belastungen implementiert. Dazu wurde das etablierte mentalisierungsbasierte Leuchtturmprogramm (Byrne & Lees, 2017) für Eltern mit psychosomatischen Belastungen adaptiert.

Ziel des Programms

Das mentalisierungsbasierte Leuchtturmprogramm (Byrne & Lees, 2017) wurde auf der Grundlage der Mentalisierungsbasierten Therapie (MBT; Taubner, 2019) entwickelt. Schwerpunkt der Behandlung ist es, Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen Eltern und Kind zu verbessern. Die Zuschreibung negativer Affekte auf das Kind soll unterbrochen und einem Misshandlungsrisiko vorgebeugt werden. In dem Programm werden Eltern metaphorisch als Leuchtturm für ihre Kinder verstanden. Wenn der Leuchtstrahl des Leuchtturms voll erstrahlt (Mentalisierungsfähigkeit), können Eltern ihr Kind gut wahrnehmen, sich einfühlen und auf dieser Basis adäquat auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen.
Das Ziel des Leuchtturmprogramms ist es, den Eltern zu ermöglichen v.a. in belastenden Situationen (z.B. bei Stress, in einer depressiven Krise) ihren Leuchtstrahl leuchten zu lassen und eine gute Beziehung mit ihrem Kind gestalten zu können bzw. Konflikte lösen zu können.

Wer kann teilnehmen

Das Leuchtturmprogramm richtet sich an alle Eltern, die bei Schwierigkeiten in der Beziehung zu ihrem Kind arbeiten wollen oder sich durch die eigene psychische Erkrankung in ihrer Beziehung zum Kind unsicher fühlen. Eine Teilnahme ist sowohl während der Behandlung bei uns in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, aber auch als ambulante Gruppentherapie über unsere Hochschulambulanz möglich.

Kontakt für interessierte Eltern:
leuchtturm.psychosomatik@uniklinik-ulm.de

Metaphern

LEUCHTSTRAHL

Ich frage mich, was in Dir vorgeht und ich versuche, Dich zu verstehen

Ihr Leuchtstrahl ist an,

  • wenn Sie sich fragen, was im Kopf Ihres Kindes vor sich geht,

  • wenn Sie versuchen, die Welt aus ihren*seinen Augen zu sehen,

  • wenn Sie sich fragen, welches Gefühl, welcher Gedanke oder welche Überzeugung sie*ihn dazu gebracht hat, sich so zu verhalten wie sie*er sich verhalten hat.

Wenn Sie mit Sorgfalt über die Gedanken und Gefühle Ihres Kindes nachdenken, nutzen Sie Ihren Leuchtstrahl. Dann sind Sie interessiert und neugierig auf die innere Welt Ihres Kindes: Sie fragen sich, was in ihr*ihm vorgehen könnte und stellen es sich bildlich vor. Als Leuchtturm Ihres Kindes können Sie Licht ins Dunkel der Gefühle und Gedanken bringen, die hinter dem Verhalten Ihres Kindes stehen.

SICHERER HAFEN

Bei mir bist Du sicher und herzlich willkommen

Sie sind ein sicherer Hafen für Ihr Kind,

  • wenn sie „da“ sind: z.B. wenn Sie Ihr Kind trösten, wenn es traurig oder besorgt ist; oder wenn Sie sich mit ihm freuen, wenn es die Welt erkundet, und sich anhören, was es erlebt hat,

  • wenn es verwirrt ist und es sich an Sie wenden kann, um gemeinsam zu verstehen, was passiert ist,

  • wenn es wütend ist und tobt und Sie es daran erinnern, dass Sie immer noch da sind und es immer noch lieben.

Wenn Sie für Ihr Kind da sind, kann es sich sicher fühlen. Als Eltern sind Sie wie ein sicherer Hafen für Ihr Kind: Sie sind wie eine sichere, geschützte Bucht, zu der Ihr Kind zu jeder Zeit kommen kann, wenn es sich von etwas erholen muss oder etwas nicht versteht. Dann kann es über Ihre Liebe wieder „auftanken“. Dabei ist es wichtig, dass Ihr Kind mit jedem ihrer*seiner Gefühle in Ihre sichere Bucht einfahren kann, auch mit den besonders schwierigen Gefühlen.

Wenn Sie zuverlässig für Ihr Kind da sind, stärken Sie auch sein Selbstbewusstsein. Dann traut es sich, neue Dinge auszuprobieren, weil es weiß, dass es in den sicheren Hafen zurückkehren kann, wenn es das braucht.

Vertrauen, Liebe und Unabhängigkeit

Wenn Ihr Kind immer wieder die Erfahrung macht, auf Erkundungsreise zu sein, auf unruhige See zu geraten und dann wieder bei Ihnen im sicheren Hafen willkommen geheißen zu werden, kann es lernen:

Ich kann verstanden werden, meine Erfahrungen ergeben Sinn, mit meinen Gefühlen kann umgegangen werden und ich bin es wert, dass sich jemand um mich sorgt.

ERKUNDUNGSFAHRT

Guck mal, was ich entdeckt hab!

Ihr Kind ist auf Erkundungsfahrt,

  • wenn es spielt oder etwas baut,

  • wenn es sich etwas ganz genau anschaut,

  • wenn es etwas Neues ausprobiert oder eine neue Fähigkeit erlernt,

  • wenn es vor einer Herausforderung steht und diese angeht.

Kinder können nur spielen, kreativ sein, sich gut konzentrieren und lernen, wenn sie sich selbstbewusst fühlen. Wenn Sie als Eltern zuverlässig für Ihr Kind da sind, ist es ihr*ihm möglich, den Mut zu fassen, auch alleine neue Dinge auszuprobieren. Echtes Selbstbewusstsein kann dann entstehen, wenn sie*er alleine Dinge ausprobiert und sich gleichzeitig sicher fühlen kann, dass sie*er zu Ihnen zurückkehren kann, wenn es ihr*ihm zu viel wird.

UNRUHIGE SEE

Ich brauche Hilfe!

Ihr Kind ist auf unruhiger See,

  • wenn es Schwierigkeiten hat, mit etwas umzugehen,

  • wenn es Angst hat,

  • wenn es sich einsam fühlt,

  • wenn es traurig, frustriert, wütend oder müde ist,

  • wenn es sich einfach unwohl fühlt.

Mit unruhiger See bezeichnen wir alles, was sich für Ihr Kind schwierig anfühlt (auch wenn es Sie selbst oder andere vielleicht nicht so sehr beunruhigen würde!). In solchen Momenten braucht Ihr Kind Sie – seinen sicheren Hafen – um es sicher zu Ihnen zurück zu leiten, sodass es bei Ihnen Hilfe und Beruhigung bekommen kann.

PIRATERIE

Ich brauche Hilfe! (Auch wenn ich laut und anstrengend bin)

Ihr Kind ist im Piratenmodus,

  • wenn es Kind wütend auf Sie ist,

  • wenn es laut ist oder anhänglich,

  • wenn es besonders schwer ist, es zu beruhigen oder es ihm recht zu machen.

Manchmal kann es so aussehen, als ob sie*er mit Absicht schwierig ist, „Ihre Knöpfe drückt“ oder Sie sogar direkt angreift.

Kinder gehen in den Piratenmodus, wenn sie sich – aus welchem Grund auch immer – unsicherer sind als sonst, dass ihnen jemand bei ihrem Problem helfen kann. Wenn es sich dem sicheren Hafen nicht ganz sicher ist und nicht weiß, ob es gesehen und gehört wird, dann ergibt es Sinn für Ihr Kind, größer, lauter, wütender oder anhänglicher zu werden.

FLOß

Ich brauche nichts!

Ich kann nicht zeigen, dass ich etwas brauche.

Ihr Kind befindet sich auf dem Floß,

  • wenn es „Mir geht’s gut“ oder „Alles OK“ sagt, Sie aber vermuten, dass es durch eine Situation verletzt, verängstigt, traurig oder beschämt ist,

  • wenn es so aussieht, als wäre es nicht interessiert daran, mit Ihnen zusammen zu sein,

  • wenn es sich vielleicht für andere Dinge interessiert, Sie aber spüren, dass es dabei nicht so lebhaft und neugierig ist wie vorher, sich weniger freut und weniger erkundet.

Wenn Ihr Kind „auf dem Floß“ ist, kann es sein, dass es – unbewusst oder bewusst – nach außen hin vorgibt, dass alles in Ordnung ist. Gleichzeitig bemüht es sich aber im Innern vielleicht stark darum, schmerzhafte Gefühle wegzuschieben – aus Ihrem und möglicherweise auch aus seinem eigenen Blickfeld.

Kinder begeben sich auf das Floß, wenn sie sich – aus welchem Grund auch immer – unsicherer sind als sonst, dass ihnen jemand bei ihrem Problem helfen kann. Wenn es sich dem sicheren Hafen nicht ganz sicher ist und nicht weiß, ob es gesehen und gehört wird, dann ergibt es Sinn für Ihr Kind, nicht zu zeigen, dass etwas los ist.